Natürliche Neugier

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Vier Jahreszeiten an der Ostseeküste

Ostseeküsten

Nach dem Rückzug des Skandinavischen Eisschildes aus Pommern (ca. 14000 Jahre her), stieg der Spiegel der Ostsee zuerst um ein gutes Dutzend Zentimeter pro Jahr. Im letzten Jahrtausend verlief der Anstieg etwas langsamer. Die Werte lagen bei einigen Millimetern pro Jahr. Der Anstieg erfolgt jedoch weiterhin. Heute hebt sich der Wasserspiegel um ca. 1 Millimeter pro Jahr. Gleichzeitig verursachen starke Winde große Wellen, die ihre Energie am Ufer entladen und Küstenerosion verursachen. Diese Erscheinung ist bei der Sturmflut besonders gut zu beobachten. Während des Sturms steigt der Meeresspiegel und die Wellen stoßen bis an die Dünen und das Kliff. Dabei entstehen Brandungshohlkehlen, die sofort einstürzen. Der ausgespülte Sand bildet den Strand oder die Schorre.

Immer dort, wo die Küsten der Ostsee von Moränen aus Ton, Sand und Kies bestehen, hat sich eine Steilküste gebildet. Eine Erosion, die nur bei starker Brandung vorkommt, ermöglicht die Bildung eines relativ breiten Strandes und fördert die Sukzession der stabilisierenden Pflanzendecke an den Küsten. Die von der Düne abgetragenen Sedimente lagern sich an benachbarten Ufer- und Meerbodenabschnitten ab.

Diejenigen Täler, die nach dem Rückzug des Inlandeises entstanden sind, wurden vom Meer überflutetet. Je nach Windrichtung und temporären Schwankungen des Wasserspiegels wurde der Sand entlang des Ufers nach Westen oder nach Osten verfrachtet oder auch senkrecht zu der Uferlinie in tiefere Partien des Meeres gespült. Wenn der Sturm abflaut und der Wasserpegel sinkt, kann dieses Material erneut sedimentiert werden und den durch die Brandung zerstörten Sandstrand aufbauen. Starke Winde über dem Meer und über der Uferlinie können Sandkörner mitreißen und so im oberen Teil des Strandes Küstendünen aufbauen.

Diese über Jahrtausende aktiven Prozesse führten zur Bildung von Sandbarrieren in Form von Dünen und Stränden. Diese Barrieren grenzten die Küstenniederungen vom Meer ab. Erzwungen durch den Anstieg des Wasserspiegels, verlegten sich diese Formationen immer mehr landeinwärts. Im Landesinneren vorhandene Niederungen füllten sich mit Wasser und wurden zu Lagunen.

 

Geschichte im Strandsand notiert

Wenn wir im Meer baden und uns am Strand sonnen, nehmen wir dieses als eine verdiente und immer parat stehende Gabe der Natur hin. Viele Menschen glauben, dass der Strand, das Meer und die Sonne schon immer so gewesen waren wie sie sind und immer so sein werden. Die meisten von uns sind sich des verborgenen, oder auch schwer bemerkbaren, Lebens des Strandes nicht bewusst. Bei einem Spaziergang ist es nicht zu bemerken, dass der Sand, aus dem wir bei gutem Wetter Sandburgen bauen und auf dem wir die Sonne genießen, nicht einfach so daliegt, sondern in konstanter Bewegung ist. Der Sand am Strand bewegt sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten senkrecht zur Wasserlinie (dh. vom Meer aufs Land) und außerdem noch entlang der Küste. Bei schwachem Wind und ruhigem Wellengang ist dies eine langsame Bewegung, welche jedoch bei windigem Wetter weit intensiver wird. Der Ort, an dem man ein Jahr zuvor ein Sonnenbad genossen hat, wird heute von einer ganz anderen Sandschicht überdeckt als damals. An diesen Ort wurde Sand aus einer ganz anderen Region, oft in großer Entfernung, transportiert.

Den Strand bei windigem Wetter beobachtend, wenn der Wind hohe Wellen Richtung Festland treibt, sieht man, wie die Wellen sich brechen und das Land mit schäumenden Fluten bedecken. Sehr gut zu erkennen sind „Wolken“ von Sand und Steinen, welche durch die Brandung vom Seeboden hoch gerissen werden. In einer bestimmten Zone des Wassers wälzen sich kleine runde Steinchen hin und her. Erst bei Sturmwetter begreifen wir, dass das bei schönem Wetter einladende Meer auch gefährlich sein kann. In den Wellen ist eine gewaltige Energie gespeichert. Diese Energie kann jedes, auch noch so großes, Hindernis zerstören. Wer ohne auf die Kälte und den Wind zu achten einen Winter- oder Herbstspaziergang unternimmt, wird einen ganz anderen Strand erleben. Dort, wo im Sommer Sand war, liegen jetzt Steine und Kies. Die malerischen kleinen Buchten sind verschwunden und so mancher Teil des Strandes ist gar nicht mehr zu sehen.

Warum ist das so? Nach welchen Regeln wird der ewige Kampf zwischen Meer und Land ausgetragen? Kann man den Ausgang voraussehen? Kann man die Prozesse so beeinflussen, dass die Effekte der Bemühungen des Menschen beim Schutz einzigartiger küstennaher Ökosysteme nicht zunichte gemacht werden? Viele der Fragen können nach einem eingehenden Studium des Strandaufbaus und der Erforschung ihrer im Sand verzeichneten Geschichte gefunden werden.

Jeder Strand ist ein Ort der Akkumulation lockerer Sedimente verschiedener Korngrößen: Sand, Kies, oft auch Steine und Felsbrocken. Das am meisten verbreitete Mineral der Strände ist Quarz (über 90–95%). Nur wenige Prozente machen andere Minerale aus. Dies sind, unter anderem, dunkle Magnetite und purpurfarbene Granate. Sehr gut sind diese Partikel an der Wasserlinie und manchmal in einem Streifen am Fuße der Dünen zu sehen.

Auf dem Weg von tieferen Stellen in seichtere Stellen am Ufer werden die Wellen deformiert. Es kommt zum Einsturz des Wellenkammes und vollkommener Desintegration der Welle in der Kontaktzone mit dem Festland. In der Brandungszone werden die Sandkörner hoch gerissen und hin und her transportiert. Dort, wo der Rückstrom vom Strand auf die neue Welle trifft, gleichen sich die Wassergeschwindigkeiten aus und kleine Körner bleiben im Wasser schweben. Gerade dort bildet sich eine gut erkennbare Kiesbank aus grobkörnigen Sedimenten.

Die Brandung spült das vom Wasser mitgerissene Sediment den landaufwärts geneigten Strand hinauf. Gleichzeitig versickert der Spülsaum sehr intensiv in dem Sand. Dort, wo die Welle letztendlich endet, entsteht ein schmaler und niedriger, jedoch sehr gut erkennbarer, Wall aus Sandkörnern. Genau solche, durch Millionen von Wellen geschaffene Sandkörnerwälle, bauen den Strand auf.

Lasst uns etwas genauer den Strand beobachten. Was passiert mit dem Strand unter der Einwirkung mal schwächerer, mal stärkerer Wellen? Wie verändert sich das Aussehen des Strandes zu verschiedenen Jahreszeiten?

Jahreszeiten am Strand

Im Sommer lieben wir es im Meer zu baden und am breiten Sandstrand zu liegen. Meist sind die Wellen und der Wind nicht besonders stark. Die Erosion der Küste tritt kaum auf. Oft ist ein parallel und fast direkt an der Wassergrenze liegender freier Strandwall zu sehen. Manchmal befindet sich hinter dem Wall ein kleiner Strandsee. Flaut ein Sturm rapide ab, so wird besonders viel Material in gerade dieser Zone sedimentiert und nachdem der Wasserspiegel noch weiter fällt, bleibt das Material als freier Strandwall liegen. Hier und dort liegen vom Sturm angespülte Pflanzenreste. Den Sand bewohnende Bakterien, Pilze und Mikroorganismen zerlegen diese Überreste sehr schnell. Im Landesinneren befindet sich ein Wall der Dünen, welcher zuerst von Gräsern bewachsen wird. Etwas weiter weg wachsen Büsche, z.B. Sanddorne, Weiden und Birken. Eine Rarität ist hier die streng geschützte Stranddistel. Oft ist zwischen dem Dünenwall und dem eigentlichen Strand ein niedriger Zwischenwall, die Primärdüne, zu sehen. Mit dieser Formation beginnt der Aufbau ordentlicher Küstendünen. Manchmal wachsen auf der Vordüne Gräser, z.B. der Strandroggen. Es ist gut das Betreten und Nutzen des Gebietes zu vermeiden, denn es ist eine durch die Natur erschaffene Schutzzone der Küste.

Im Herbst ist das Wetter viel windiger. Das Meer wird zunehmend aktiv. Oft treten Stürme auf und bewirken eine Erosion des Strandes. Die Zeitabschnitte zwischen den Stürmen sind kurz und es bleibt keine Zeit für erneuten Aufbau. Der Stand wird schmaler und fällt steiler ab. Die freien Strandwälle verschwinden und die Strandseen vereinen sich mit dem Meer. Der Sand wird meist auf den benachbarten Seeboden transportiert. Auf dem Strand werden gröbere Fraktionen (Steine und Felsen) freigelegt. Aufgrund stärkerer Stürme wird auch die Vordüne erodiert und das Wasser reicht bis an die Haldendüne. Nach dem Sturm ist der Strand um einiges schmaler. An der maximalen Reichweite der Wellen bleiben Überreste von Wasserpflanzen liegen. Unter denen findet sich auch Bernstein. Wurzeln und Baumstämme werden ebenfalls ans Ufer gespült.

Im Winter scheint der Strand wegen Wind und Feuchtigkeit viel kälter zu sein, als jeder andere Ort ringsum. Häufige Stürme lassen den Strand noch schmaler erscheinen als im Herbst. Während der Sturmflut reicht das Wasser bis zu der Düne, steigt diese empor und wäscht sie aus, wobei entlang der Düne ein niedriges Kliff entsteht. Der Strand ist von oft von Schnee bedeckt und der Sand ist nur in der Brandungszone zu sehen. Bei starkem Frost ist das Aussehen des Strandes je nach Eislage verschieden. Wenn die Temperatur des Meereswassers unter Null Grad sinkt, beginnt sich Eis zu bilden. Anfänglich ist die Eisschicht am Ufer sehr dünn. Sogar sanfter Wellengang zerbröckelt die kaum ausgebildete Schicht und lässt Treibeis entstehen. Sinkt die Temperatur noch tiefer werden die Platten immer dicker und erreichen bei einer anhaltenden Außentemperatur von unter -20oC eine Dicke von bis zu 0,5 Meter. Bei Windstille ist die Übergangszone zwischen dem Strand und der Eisdecke manchmal gar nicht mehr zu erkennen. Wechselnde Richtung und Stärke der Winde verursachen Risse in dieser Eisschicht und so entstehen Treibeisfelder. Weht ein starker Wind vom Meer, wird so ein Eisschollenfeld landeinwärts geschoben. Die Eisschollen vom Meer gleiten auf den Strand und durch den Druck neuer Eisplatten, werden die alten immer mehr in Richtung Dünen geschoben, bis auch diese erodieren. Manchmal passiert es, dass die Eismassen eine Höhe von zwei bis drei Metern erreichen und den Zutritt zum Wasser unmöglich machen. Dies geschieht jedoch außerordentlich selten. Die Eisschollen türmen sich zumeist unweit der Uferlinie auf und gleiten nur um wenige Meter landeinwärts. Ein Teil der Eisschollen friert an das küstennahe Eisfeld an und täuscht eine Verlagerung der Uferlinie um bis zu 100 Meter ins Meer hinaus vor. Die Wellen frieren ein und bilden eine dicke Eisschicht. Spaziergänge über solche Eisfelder sind überaus gefährlich, da es im Eis viele Risse gibt. An außerordentlich warmen und sonnigen Tagen zum Ende des Winters hin kann der Schnee an manchen Teilen des Strandes schmelzen. Der Sand aus diesen Uferabschnitten wird durch den Wind transportiert und oft in einem anderen Teil des Strandes an der Schneeoberfläche abgelagert. In diesem Fall haben wir oben Sand und darunter Schnee oder Eis. Die Dünen sind mit Schnee bedeckt. Nur im bewaldeten Teil der Düne sind nach Futter suchende Tiere wie Hasen und Wildschweine zu beobachten. Am Strand halten sich Möwen und andere Vögel auf.

Im Frühling steigt die Temperatur und so schmilzt auch der Schnee, wobei der Strand sehr matschig wird. Die Uferzone ist bis auf einige Dutzend Zentimeter durchgefroren. Das von oben fortschreitende Auftauen bewirkt eine zusätzliche Auflockerung des Strandes. Gab es im Winter Anhäufungen von Eisschollen, so schmelzen diese jetzt, was ebenso zum Aufweichen des Strandes beiträgt. Oft passiert es, dass unter einer dünnen Sandschicht recht lange Eis oder Schnee erhalten bleibt. Nachdem die Schneedecke von den Dünen verschwunden ist, beginnt die Blüte der Pflanzen. Die Weiden, Birken und der Sanddorn bekommen Blätter. Zugvögel, Wildschweine und Hasen beginnen ebenfalls ihr Frühlingstreiben.

Der Strand und das Meer verändern sich das ganze Jahr über. Die Palette der Farben ist im Frühling und im Herbst überaus breit. Im Sommer entzücken uns zahlreiche Blautöne und goldene Schimmer, im Winter beeindrucken uns die Kontraste des bleifarbenen Meeres und des weißen Strandes. Meist verbinden wir den Strand mit Erinnerungen an den warmen Sand und das Plätschern der Wellen, doch dies ist eine Vereinfachung. Auf der Bühne des Strandes stellt die Natur auch ganz andere Stücke dar.